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Bei Ernstfällen zählt im Wasser jede Sekunde

Veröffentlicht: 31.07.2026
Autor: Jochen Knausenberger

Artikel der Rhein-Neckar-Zeitung vom 31.07.2026: Der 31. Juli ist der Ehrentag der Rettungsschwimmer: Wie die Aktiven der DLRG Ladenburg/Edingen-Neckarhausen üben und was sie sich wünschen / Von Edda Nieber

Die Haare zerzaust vom Fahrtwind, die Schwimmweste über den Schultern, das Gesicht leicht feucht von der Gischt, die immer wieder über den Bug spritzt – eine Fahrt mit der „Lobdengau“, dem Motorrettungsboot der Ortsgruppe Ladenburg/Edingen-Neckarhausen der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), ist nichts für schwache Nerven. Mit über 30 Kilometern pro Stunde geht es den Neckar herunter,  Wellen klatschen gegen den Rumpf.

Dass es schnell gehen muss, ist keine Frage, denn schon taucht wenige Meter vor dem Boot eine Person auf. Reglos treibt sie im Wasser,  Doch zum Glück haben die Rettungsschwimmer auf der „Lobdengau“ sie schon entdeckt. Bootsführerin Esther Brummer bremst, fährt an der Person vorbei, eine enge Kurve, dann direkt auf sie zu. Vorne macht sich Strömungsretterin Leni Rüsseler schon bereit: In Neoprenanzug, mit Prallschutzweste, Handschuhen und Helm steht sie an der Reling und wartet nur auf das Kommando.

Kaum hat Esther Brummer den Motor abgestellt, springt Leni ins Wasser. Zielstrebig schwimmt sie auf die im Wasser treibende Person zu, zieht sie rücklings an das Boot heran und dann auf ein Spineboard, eine harte Trage, die ihre Kollegen derweil über die Bugklappe ins Wasser gelassen haben. Es dauert nur wenige Sekunden, schon ist die Gerettete an Bord. „Hallo Emmi! Wie gehts dir?“, wird sie empfangen.  „Tipptopp!“, lautet die Antwort, und schon steht die eben noch zu Ertrinken Drohende wieder auf den Beinen. 

Es ist nur eine Übung und Emmi Freigang, eine von sieben Ehrenamtlichen der DLRG-Ortsgruppe, die an diesem Abend eindrucksvoll zeigen, worauf es im Ernstfall ankommt. Anlässlich des Ehrentags der Rettungsschwimmer am heutigen Freitag, 31. Juli, trainieren sie extra für die RNZ. Vorsitzender Jochen Knausenberger betont: „Einen klassischen Ertrinkungsunfall wie den, den wir eben gesehen haben, hatten wir in diesem Jahr tatsächlich noch nicht.“ Und Simon Suder, Leiter der Einsatzgruppe, ergänzt: „Viele schaffen es von alleine wieder aus dem Wasser. Aber wenn nicht, ist es umso wichtiger, dass wir schnell da sind.“

Seit 20 Jahren gibt es die Wasserrettungsgruppe der DLRG Ladenburg/Edingen-Neckarhausen. „Am Anfang hatten wir gar nichts. Keine Autos, keine Boote“, erinnert sich Jochen Knausenberger. Mit Blick auf die zwei Gespanne aus Auto, Hänger und Boot, die zu Beginn der Übung am Fähranleger in Ladenburg stehen, spricht er von einem vollen Erfolg. 20 Aktive zählt die Einsatzgruppe momentan, etwa die Hälfte von der  jeweiligen Neckarseite. Hinzu kommen die weiteren Bereiche, die die Ortsgruppe abdeckt: Ausbilder, Schwimmtrainer, Sanitäter, Bootsführer. 
Außerdem gibt es einige aktive Mitglieder, die nicht rund um die Uhr in Bereitschaft sein können, aber beispielsweise bei der Absicherung von Veranstaltungen mit dabei sind. Und im Freibad unterstützen sie die Bademeister.


Was bei den Ehrenamtlichen besonders auffällt: Sie alle sind seit vielen Jahren dabei, teilweise schon als Kinder dazugekommen und in der DLRG groß geworden. „Es ist eine tolle Gemeinschaft, und gemeinsam Einsätze zu meistern, schweißt zusammen“, erklärt Knausenberger.
Rund 50 Aktive im Alter zwischen 15 und 66 Jahren hat die Ortsgruppe, Sorgen um den Nachwuchs gibt es nicht. 

Ein bis zwei Mal im Monat werden die Ehrenamtlichen im Schnitt alarmiert, erzählt Simon Suder. Und kaum hat sich die RNZ zur  Lagebesprechung eingefunden, gehen auch schon die Funkmelder und Handyalarme los. Doch statt eilig loszufahren, bleiben die Einsatzkräfte ganz entspannt. „Das ist der Probealarm, der ist jede Woche“, erklärt Maxi Kraft. Wie die Feuerwehr auch wird die DLRG von der Leitstelle informiert, wenn es einen Notfall am Wasser gibt. „Oft rücken wir mit der Feuerwehr gemeinsam aus“, so Knausenberger. Während die Blauröcke sich hauptsächlich um die Technische Rettung kümmern, liege der Fokus seiner Leute auf der Personenrettung. „Dafür gehen wir auch ins Wasser. Das macht die Feuerwehr eher nicht. Wir sind schließlich dafür ausgebildet“, erklärt er.

Alle Mitglieder der Einsatzgruppe sind Rettungsschwimmer. Zusätzlich gibt es speziell ausgebildete Strömungsretter, die, wie der Name schon sagt, Menschen aus strömendem Wasser retten. Sechs davon gibt es in der Einsatzgruppe, Leni Rüsseler ist eine davon. Die 19-Jährige kommt beim Umziehen ganz schön ins Schwitzen: Über ihrem Neoprenanzug trägt sie eine Prallschutzweste, die ihr nicht nur Auftrieb gibt, sondern sie auch schützt. Dazu Canyoning-Schuhe für festen Stand, ein Helm und Handschuhe. „Ich brauche fünf Minuten, um alles anzuziehen“, erzählt Leni. Schwer vorstellbar – aber im Ernstfall zählt jede Sekunde. Nur fünf bis sechs Minuten nach der
Alarmierung sei das erste Gespann im Einsatz, erklärt Simon Suder. Das zweite brauche derzeit mit gut 15 Minuten noch deutlich länger, da die Kräfte erst aus Edingen-Neckarhausen zur Wache nach Ladenburg kommen müssen. „Aber wir stellen bald ein Fahrzeug nach Edingen“,
verspricht der Einsatzgruppenleiter. Die Ortsgruppe ist eine spezielle Bootsgruppe und hat keine Taucher. Diese gibt es dafür in Heddesheim. Mit den dortigen Kameraden üben sie einmal im Monat, zudem gibt es jede Woche ein Rettungsschwimmtraining im Neckarhäuser Freizeitbad.

Bei der Übung am Neckar fahren die Ehrenamtlichen rückwärts die Hänger ins Wasser. Einige geübte Handgriffe, und schon treiben die beiden vereinseigenen Boote auf dem Fluss. Das Motorrettungsboot ist deutlich größer, kann dank Beleuchtung auch nachts fahren und hat Platz für bis zu zehn Personen. Allerdings braucht man eine spezielle flache Einsatzstelle. Da ist das Schlauchboot – oder Inflatable Rescue Boat (IRB)  – deutlich praktischer: Das kann man mit drei Leuten tragen. Und es kann „fliegen“: Wenn das IRB über die Wellen des Motorrettungsboots fährt, hebt es kurzzeitig ab. Dass Wellen kein Problem für das wendige Schlauchboot sind, macht es besonders für  Einsätze an der Küste geeignet. Außerdem kann man von ihm aus Menschen aus dem Wasser holen, ohne dafür selbst zu schwimmen. Um das zu zeigen, treibt Emmi erneut im Wasser. Das IRB fährt neben sie. Ein Griff unter ihre Achseln, dann gibt Simon Suder Gas und macht  dabei eine Kurve. Dadurch kippt das Boot, der Abstand zur Wasseroberfläche ist kurzzeitig so gering, dass Suder und R ettungsschwimmerin Ylva Siebert Emmi über den Rand des Boots ziehen können. Daumen hoch, Emmi geht’s gut. Und weiter geht die Fahrt über den Neckar.

Immer wieder tauchen Kanus oder Stand-up-Paddler neben den Rettungsbooten auf. „Gerade an heißen Tagen ist hier viel los, aber man muss sagen, dass hier glücklicherweise wenig passiert“, erläutert Jochen Knausenberger. „Die Schwerpunkte sind ganz klar Heidelberg und Mannheim.“ In die Quadratestadt werden sie regelmäßig zur Unterstützung alarmiert, allein in diesem Jahr rund 15 Mal. Hinzukommen Vermisstensuchen, und das nicht nur im Neckar, sondern auch in Seen in der Region. So war die Ortsgruppe beispielsweise am Heddesheimer Badesee im Einsatz, als dort vor gut einem Monat ein 74-Jähriger ertrunken ist.

Dass die Zahl der Ertrunkenen in diesem Jahr erstaunlich hoch ist, merken auch die Ehrenamtlichen der Ortsgruppe. Warum es hauptsächlich Männer sind, die im Wasser in missliche Lagen geraten, erklären sie sich mit Übermut und einem größeren Ego. „Sonne, Alkohol, Überschätzung. Da spielt oft eine Rolle“, sagt Maxi Kraft, und Esther Brummer ergänzt: „Frauen haben einfach eine bessere Gefahreneinschätzung.“

Was die Ehrenamtlichen auch merken: Menschen können immer schlechter schwimmen, und Kinder lernen es – wenn überhaupt– es oft erst spät.„Zwischen acht und zwölf Jahren, eigentlich schon früher“, sollten sie das können, findet Brummer. Auch die DLRG-Ortsgruppe gibt  regelmäßig Schwimmkurse im Edinger Kleinhallenbad, die alle voll belegt sind.

Sorgen bereitet Brummer außerdem, dass das Ladenburger Freibad ab diesem Wochenende für eineinhalb Jahre geschlossen bleibt und saniert wird. Sie habe Bedenken, dass mehr Leute im Neckar schwimmen gehen, gibt sie zu. Zumal das in Ladenburg laut Polizeiverordnung verboten ist – nur das weiß nicht jeder. So auch ein Radfahrer, der sich den Einsatzkräften vor der Übung nähert. „Wo derff ma denn hier schwimme?“,fragt er.„Garnicht. Das ist verboten“, antwortet Knausenberger. „Neddemol so ’n bissl riwwer?“ – Nein. Der Mann ist einsichtig und fährt weiter. 

Bleibt zu hoffen, dass andere das auch sind. Gerade die großen Frachtschiffe, die den Neckar entlangfahren, sind durch Sog und Wellen eine große Gefahr. Als sich ein solches nähert, nehmen sich auch die Rettungsschwimmer in Acht. Wer im Wasser ist, hält sich zur Sicherheit am Boot fest. Erst als das Schiff vorbei ist, geht es weiter. Ein letztes Mal fliegen „Lobdengau“ und IRB über die Wellen, dann steuern sie das Ufer an.

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